Offenbar – SPD will Straßenrückbenennung mit allen Mitteln verhindern
jotw.d. // Dezember 2007

Mahlsdorf – Nachdem eine große Mehrheit der BVV-Verordneten Ende September einen Antrag auf Rückbenennung des Pfalzgrafenwegs in Offenbachstraße abgeschmettert hatte, versuchte nun gerade die SPD, auf der Oktobersitzung der Bezirksverordneten, alle Wege zu einer späteren Revision des antisemitischen Unrechts zu blockieren. Die Sozialdemokraten brachten einen Antrag ein, einer anderen Straße im Bezirk den Namen des berühmten Komponisten zu geben.

Das jedoch wollte sich die Linksfraktion nicht so einfach unterjubeln lassen. Im Vorfeld der Debatte gelang es den Sozialisten, zumindest ein wenig in den antisemitischen Arm zu fallen: Man einigte sich darauf, den bisher namenlosen Platz an der Kreuzung Hummel-/Kuhnaustraße im Musikerviertel als Offenbachplatz neu zu benennen. Wes Geistes Kind der zuerst eingereichte Vorschlag ist, lässt sich insbesondere aus der Begründung des ursprünglichen SPD-Antrages, verfasst von Klaus Mätz und Ulrich Brettin, erkennen. Dort heißt es: „Während des Nationalsozialismus wurden im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf gelegene Straßen aus rassistischen Gründen umbenannt. … Dieses Unrecht kann nicht mehr gut gemacht werden. … Deshalb sollte in Marzahn-Hellersdorf eine neue Straße nach Jacques Offenbach benannt werden.“

Es drängt sich der Vergleich mit ähnlich gelagerter Problematik in anderen Bezirken Berlins auf. Da wäre zum Beispiel der kürzlich in die Diskussion geratene „Darsteiner Weg“ in Köpenick – benannt nach der ersten Gemeinde in Deutschland, die 1930 zu 100 Prozent NSDAP gewählt hatte. In Köpenick will die SPD zumindest über eine Um- oder Rückbenennung nachdenken. In Marzahn-Hellersdorf ist dies offensichtlich nicht der Fall. Dort will man am Status Quo nichts ändern.

In anderen Bezirken ist man da (nach jahrelangem Tauziehen) weiter. Charlottenburg hat seit zehn Jahren die Flatow-Allee, in Grunewald wurde der Seebergsteig umbenannt, in Reinickendorf die Hoeferstraße. Vielleicht sollten die hiesigen Sozialdemokraten sich einmal mit dem Sprecher ihrer Abgeordnetenhausfraktion, Peter Stadtmüller, beraten. Der nämlich sagte der Berliner Zeitung:
„Bei der Entsorgung von NSbelasteten Straßennamen müssen sich alle beteiligen.“ Wer aber versucht, mit allerlei Tricks dieses notwendige Anliegen zu hintertreiben, darf sich nicht wundern, wenn er sich damit dem Ruch fortdauernden Antisemitismus’ aussetzt.

Ralf Nachtmann

Zum Jahrestag der Reichspogromnacht. Streit um Berliner Straßennamen
junge Welt // 09.11.07

Was ist los in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) des Berliner Stadtbezirks Marzahn-Hellersdorf? Neofaschisten in Fraktionsstärke, die Initiativen zur Wiederherstellung der verletzten Würde diskriminierter jüdischer Persönlichkeiten blockieren, und dies mit Rückendeckung demokratischer Parteien?

Seit Monaten kämpft das Bündnis »Kein Vergessen« gegen Nazi-Umbenennungen von Straßen. Im Jahr der Reichspogromnacht (9. November 1938) wurden in Mahlsdorf und Kaulsdorf sieben Straßen, die Namen jüdischer Künstler trugen, umbenannt. Ende September 2007 hat die Fraktion Die Linke einen Antrag auf Rückbenennung des heutigen Pfalzgrafenwegs in Offenbachstraße im Bezirksparlament eingebracht, um wenigstens im Falle des jüdischen Komponisten Jacques Offenbach moralische Wiedergutmachung zu leisten. Der Antrag wurde abgelehnt, von einem Bündnis aus NPD, SPD, CDU und FDP. Begründung: Man könne nicht die Meinung der Anwohner übergehen, ohne neues »Unrecht« zu schaffen.

Sylvana Weißenfels vom Bündnis »Kein Vergessen« hat diese Argumentation geschichtsrevisionistisch genannt. »Unterstellungen der SPD«, Jugendliche ihres Bündnisses seien auf einem CDU-Bürgerforum störend aufgetreten und von der Polizei des Raumes verwiesen worden, wies Weißenfels als »falsch und diffamierend« zurück: »Die das behaupten, empfinden jegliche kritische Thematisierung der antisemitischen Umbenennungen als störend.«

SPD und CDU sorgten im übrigen auch dafür, daß eine Marzahner Straße, benannt nach einem Überlebenden des Holocaust, dem deutsch-jüdischen Schriftsteller und antifaschistischen Widerstandskämpfer Alexander Abusch, jetzt den Namen eines Kapp-Putschisten und im Dienste der Kriegspropaganda des Dritten Reiches tätig gewesenen Schriftstellers trägt: Peter Huchel. Gegen diesen Verwaltungsakt, der jeden Holocaustleugner erfreuen dürfte, reichte Ende Juni Antonín Dick, Sohn deutsch-jüdischer Antifaschisten, beim Petitionsausschuß der BVV eine auf den Nachweis schwerwiegender Rechtsverletzungen gestützte Petition ein (jW vom 11. Juli). Der Ausschuß ließ Ende September mitteilen, daß er nicht zuständig sei.

Dick überstellte die Petition dem Petitionsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses. Dieser soll über die Petition hinaus den Gesamtkomplex der Diskriminierung jüdischer Persönlichkeiten im Straßenbild von Marzahn-Hellersdorf behandeln. Er ist dazu befugt. Die SPD verfügt in diesem wichtigen Gremium über die relative Mehrheit und definiert sich seit dem Hamburger Parteitag ja wieder als »linke Volkspartei, die ihre Wurzeln in Judentum und Christentum, Humanismus und Aufklärung, marxistischer Gesellschaftsanalyse und den Erfahrungen der Arbeiterbewegung hat«.

Dicks Antrag will »ein weltbürgerlich gesonnenes Bündnis aus Sozialdemokraten, Sozialisten und Grünen im Berliner Petitionsausschuß« in die Pflicht nehmen, »gegen die gefährliche Geschichtsvergessenheit von Bezirksgewaltigen«.

von Peter Sonntag

Pressemitteilung – Bündnis „Kein Vergessen“ – 29.09.07

Am 27.09.07 hat der Bezirksverordnete Björn Tielebein (DIE LINKE) für das Bündnis „Kein Vergessen“ einen Antrag zur Rückbenennung des heutigen Pfalzgrafenwegs in Offenbachstraße an die BVV Marzahn-Hellersdorf gestellt. Dieser wurde einstimmig von SPD, CDU, FDP und NPD abgelehnt. Einzig die Verordneten der Linksfraktion stimmten diesem Antrag geschlossen zu.

Am 16.Mai 1938 wurden in Mahlsdorf und Kaulsdorf sieben Straßen, die nach jüdischen KünstlerInnen benannt waren, von den Nationalsozialisten umbenannt. Grundlage waren die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935, das Ziel die Auslöschung jeglicher Erinnerung an jüdisches Leben und Kultur. Die Straßenumbenennungen reihen sich in die Reihe antisemitischer Praxis in Nazideutschland ein, die ihren Höhepunkt in der Ermordung von über 6 Millionen Jüdinnen und Juden in den deutschen Vernichtungslagern fand.

Alle Fraktionen begründeten ihre Ablehnung des Antrags mit dem Protest der AnwohnerInnen gegen eine Rückbenennung. Mehrfach wurde von der SPD gemahnt, dass eine angemessene Aufarbeitung der Geschichte nur durch das Überzeugen der AnwohnerInnen erreicht wird und dazu Diskussionen geführt werden müssen. Andernfalls, so die SPD, werde durch eine Rückbenennung neues Unrecht erzeugt.

Sylvana Weißenfels, Pressesprecherin vom Bündnis „Kein Vergessen“, erklärt:

„Mit diesem Antrag wollten wir, das Bündnis „Kein Vergessen“, die Würdigung des Komponisten Jacques Offenbach wiederherstellen und die Gültigkeit der antisemitischen Entscheidung der Nazis nach fast 70 Jahren aufheben. Durch die Antrags-Ablehnung der Fraktionen von CDU, FDP, SPD und NPD wird auch weiterhin kein jüdischer Künstler im Mahlsdorfer Musikerviertel geehrt.

Wir empfinden es als äußerst fragwürdig, wenn Verordnete der SPD betonen, dass weiterhin Diskussionen mit den AnwohnerInnen geführt werden müssen. Das Bündnis „Kein Vergessen“ hat in diesem Jahr mehrere Diskussionsveranstaltungen organisiert, zu denen auch die AnwohnerInnen eingeladen waren. Es gab Informationsstände und es wurden Infobroschüren besonders im Musikerviertel verteilt. Die Resonanz der AnwohnerInnen war jedoch mehr als gering – ein Interesse an einer politischen Auseinandersetzung mit dem Thema konnten wir nicht erkennen, ausschließlich persönliche Gründe wie „Bequemlichkeit“ und „Gewöhnung“ wurden als „Argumente“ gegen eine Rückbenennung vorgebracht. Mangelndes Geschichtsbewusstsein, Ignoranz und zum Teil auch Antisemitismus sind keine Gründe, die eine Aufarbeitung der Verbrechen der Deutschen während des NS verhindern dürfen.

Als Skandal betrachtet das Bündnis „Kein Vergessen” die geschichtsrevisionistischen Verweise auf das Erschaffen von „neuem Unrecht“. Die sicher mühevolle und nicht immer kostenfreie Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte ist eine politische und selbstverständliche Notwendigkeit und nicht zu vergleichen mit den Verbrechen, denen jüdische Menschen und deren Kultur in Nazideutschland zum Opfer fielen.

Scharf müssen wir auch die Unterstellungen der SPD als falsch und diffamierend zurückweisen, wonach Jugendliche des Bündnisses „Kein Vergessen“ auf einem CDU-BürgerInnenforum störend aufgetreten seien und von der Polizei des Raumes verwiesen wurden. Diejenigen BürgerInnen, die dies behaupten, empfinden jegliche kritische Thematisierung der antisemitischen Umbenennungen und den heutigen damit verbundenen Umgang als störend, wollen sie doch in ihrem idyllischen Mahlsdorf von Antisemitismus nichts hören und in Ruhe gelassen werden.“

Die unheilige Allianz – Gemeinsam mit der NPD lehnen SPD, CDU, FDP und Grüne die Rückbenennung des Pfalzgrafenweges in Offenbachstraße ab
jotw.d. // Oktober 2007

Mahlsdorf – Neu ist die Debatte nun wahrlich nicht. Nachdem 1938 unter nicht unerheblichem Einfluss der Anwohner („Wie lange sollen denn noch diese Juden unsere Straßennamen beherrschen“) die Namen von Offenbach, Mendelssohn-Bartholdy, Meyerbeer und Mahler im „Musikerviertel“ von Mahlsdorf durch die Nazis getilgt worden waren, regt sich seit mehreren Jahren der Wunsch, dieses Nazi-Unrecht zu revidieren. An öffentlichen Diskussionen dazu, wie sie der Herausgeber dieser Zeitung bereits im Namen führt, hat es wirklich nicht gemangelt.

Wenn die Debatte nichts Neues bringt, muss irgendwann Schluss sein und entschieden werden, dachte sich der Bezirksverordnete Björn Thielebein und stellte einen Antrag auf Rückbenennung des Pfalzgrafenweges in Offenbachstraße. Eingedenk der Tatsache, dass dies ja nur ein erster, gleichwohl wichtiger Schritt sein würde, das Nazi- Unrecht im Mahlsdorfer Musikerviertel und womöglich darüber hinaus an anderen Stellen des Bezirks zu revidieren.

Sein Antrag hingegen fand keine Mehrheit in der BVV. Geschickterweise hatte der SPD-Verordnete Huhn eine geheime Abstimmung erzwungen. Was bedeutet, dass keinem Verordneten persönlich ein „Mitstimmen mit der NPD“ nachgesagt werden kann. Natürlich weiß jeder Beobachter, dass SPD, FDP, CDU und die Mehrheit der Grünen mit der NPD gemeinsame Sache machten: Thielebeins Antrag fand nur 19 Befürworter, einen mehr, als seine Fraktion Mitglieder hat. 28 wären nötig gewesen.
R. Nachtmann

Zitiert: Aus den Diskussions-Beiträgen einiger Verordneter

Wir müssen uns fragen: Was tun wir heute mit der Geschichte. Nach 13 Jahren Diskussion sollten wir heute endlich entscheiden.
Björn Thielebein, Linke

Die Umbenennung wird als politische Pflichtübung wahrgenommen. Die Gründe sind diffus und nebulös.
Sergej Henke, FDP

Die Widerstände zeigen: Da ist weiter zu arbeiten. Sie aber (die Linken, Red.) bauen Blockaden auf!
Bernadette Kern, B90/Grüne

Geht es wirklich um Vergessen? Der Antrag entspricht einer politischen Farce.
Ulrich Brettin, SPD

Wenn die Bürger Nein sagen, dann sagen sie halt Nein.
Wolfgang-Dieter Chieduch, NPD

Wir werden nicht gegen die Bürger entscheiden.
Klaus Mätz, SPD

Ich bin dafür, weiter zu reden. Die Offenbachstraße ist nur ein erster Versuch.
Klaus-Jürgen Dahler, Linke

Straße in Mahlsdorf nicht rückbenannt
Die Welt // 10. Oktober 2007

Die Rückbenennung des Mahlsdorfer Pfalzgrafenweges in Offenbachstraße ist gescheitert. Die Bezirksverordneten von SPD, CDU und FDP stimmten gemeinsam mit der NPD gegen einen Antrag der Linken, der Straße wieder den Namen des jüdischen Komponisten zu geben. Von den Nazis waren 1938 im Komponistenviertel für sieben Straßen die Namen von jüdischen Künstlern getilgt worden, darunter Mendelssohn-Bartholdy und Meyerbeer. SPD, CDU und FDP begründeten ihre Ablehnung mit dem Protest vieler Anwohner gegen eine Rückbenennung. Zusatzschilder erinnern bereits an die einstigen Namensgeber.

Jurek Becker Straße kommt doch – Über Offenbach diskutiert die BVV noch
Marzahn-Hellersdorfer Zeitung // Oktober 2007


Dem Antrag der Linken, in der BVV-Sitzung die Rückbennung der 1938 in Pfalzgrafenweg umbenannten Offenbachstraße zu beschließen, folgte eine umfangreiche Diskussion über das „Wie“. Gegen die erneute Benennung nach dem jüdischen Komponisten Offenbach legte keine demokratische Partei ein Veto ein. Die Mehrzahl der Bezirksverordneten sieht die Umbenennung nur im Ergebnis eines gemeinsamen Meinungsbildungsprozesses mit den Anwohnern, „auch wenn das ein längerer Weg sein sollte, und ohne jeden, der keine Rückbennung möchte, gleich als Nazi zu bezeichnen“, so Bernadette Kern (Bü 90/Grüne) in ihrem engagierten Werben für Gewinnung statt Ausgrenzung.

Hinweisschild erinnert an Zwangslager
Berliner Zeitung // 12. Juni 2006

Zwangsarbeiterlager wurde vor 70 Jahren in Marzahn errichtet

Der Deportation Berliner Sinti und Roma vor 70 Jahren in das Zwangslager Marzahn wurde gestern am Sinti-Stein auf dem Parkfriedhof am Wiesenburger Weg gedacht. Auf einem Rondell wurde ein Hinweisschild auf das Lager enthüllt, das sich von 1936-1945 nördlich des Friedhofs Marzahn befand. Ab Frühjahr 1943 wurden die dort gefangen gehaltenen Sinti- und Roma- Familien in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Das Jugendbündnis „Kein Vergessen“ hat eine Ausstellung gestaltet, die in den kommenden Wochen in Jugendtreffs und Bibliotheken gezeigt wird.

Zigeuner ist immer noch ein Schimpfwort
jot w.d. // Nr.5/2006

Sinti und Roma-Zwangslager vor 70 Jahren errichtet. Und vergessen

Marzahn – Im Mai 2006 jährt sich die Errichtung des Sinti und Roma Zwangslagers in Marzahn zum 70. Mal. Diesen Jahrestag nehmen zahlreiche politische Gruppen und Initiativen zum Anlass, das Schicksal der Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus in den öffentlichen Fokus zu rücken. So ist ein erst kürzlich entstandenes Informationsheft nur Teil einer Kampagne, die das Zeil verfolgt, die Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren. Die im Info-Heft entahltenen Texte sind im Internet unter www.kein-vergessen.de verfügbar. Daneben wird es eine Ausstellung zum Thema geben, die in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg zu sehen sein wird.
Weil oft jungen Menschen die Geschichte von Marzahn und Hellersdorf zu Zeiten des Nationalsozialismus unbekannt ist, sollen sich insbesondere Schulen angesprochen fühlen. Nur wenn Jugendliche informiert werden, kann das Gedenken aufrechterhalten werden. Die entstandene Broschüre kann durch Schulen kostenlos angefordert werden.
Vorurteile und Ressentiments gegenüber den Sinti und Roma sind tief in der Gesellschaft verwurzelt und bis heute gesellschafts- und mehrheitsfähig. Als gängiger Begriff zeigt sich hierbei die Bezeichnung „Zigeuner“, die einen abwertenden Charakter hat. Etwa eine halbe Million Sinti und Roma aus ganz Europa wurden ebenso Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik wie Juden, Homosexuelle, politisch Andersdenkende und Andere, die nicht in das menschenverachtende Bild der Nationalsozialisten passten. Trotz der bedrückenden tatsache findet der Massenmord an den Sinti und Roma bis heute kaum Eingang ins öffentliche Bewusstsein. Die Aufarbeitung der Vergangenheit findet nicht statt; antiziganistische Vorurteile bleiben Teil gesellschaftlicher Denkmuster. Dies ist traurige Realität.
Deshalb soll dort, wo sich das Lager befand (am heutigen S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße), eine geeignete Form der dauerhaften Erinnerung und Mahnung gefunden werden. Denkbar ist, auf dem S-Bhf. festinstallierte Tafeln aufzustellen, um einen ernsthaften Beitrag gegen das Vergessen zu leisten.

Mahnmalstreit beendet
Junge Welt // 10.05.2006 // Inland // Seite 5

Roma und Sinti am 19.11.2003 vor dem Reichstag. Am Rednerpult Romani Rose (Foto: AP)
Berlin: Bundesregierung und Zentralrat der Sinti und Roma einigen sich auf gemeinsamen Vorschlag für Denkmal. Antifa-Aktionswochen in Berlin-Marzahn

Im jahrelangen Streit zwischen der Bundesregierung und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma um die Errichtung eines Mahnmals für die von den Nazis ermordeten Roma und Sinti im Zentrum Berlins ist es am späten Montag im Bundeskanzleramt zu einer Einigung gekommen. Der Zentralrats-Vorsitzende Romani Rose äußerte sich in einer nach dem Gespräch mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) veröffentlichten Erklärung über das Ergebnis erfreut und drängte auf einen raschen Baubeginn. Das nach dem Entwurf »See der Trauer« des israelischen Künstlers Dani Karavan geplante Mahnmal soll mit einem künstlichen See in der Nähe des Reichstages errichtet werden. Ursprünglich sollte es schon 2004 fertiggestellt werden.
Strittig war insbesondere die Inschrift auf dem vom Bund mit zwei Millionen Euro finanzierten Denkmal. So sah das Konzept der früheren Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) unter anderem die Verwendung des Begriffs »Zigeuner« vor, den große Teile der damit Angesprochenen als diffamierend empfinden und als »Nazijargon« bezeichnen.
Das neue Konzept sieht die Verwendung des Begriffs nicht mehr vor. Statt einer zentralen Inschrift wird es mehrere Informationstafeln geben, auf denen die Leidensgeschichte der Sinti und Roma dargestellt wird. Weiterhin sollen auf Platten, die zum Mahnmal hinführen, die Namen mehrerer Vernichtungs- und Konzentrationslager der Nazis wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka und Buchenwald eingemeißelt werden. Auch ein Zitat von Altbundespräsident Roman Herzog, der eine Parallele zwischen der Shoa und der Vernichtung der Roma und Sinti zog, wird auf den Tafeln zu lesen sein. Dani Karavan erklärte inzwischen, daß er die vereinbarten Änderungen unmittelbar in sein Konzept übernehmen werde.
Antifaschistische Gruppen aus Berlin erinnern unterdessen mit einer Veranstaltungsreihe an die Errichtung eines Zwangslagers für Sinti und Roma in Marzahn vor 70 Jahren. Neben Informationsveranstaltungen zur Geschichte des Zwangslagers gibt es Lesungen und Diskussionen zur Entschädigungspolitik der BRD.
Das in der Nähe des heutigen SBahnhofs Raoul-Wallenberg-Straße befindliche Lager wurde im Jahr 1936 anläßlich der Olympiade zur »Säuberung« der Stadt von Sinti und Roma errichtet. Damit zählte es zu einem der ersten rassisch definierten Zwangslager in Nazideutschland. In das Lager wurden regelmäßig Hunderte Sinti aus dem Berliner Raum und Roma aus Jugoslawien, Ungarn und Tschechien gebracht und durch Zwangsarbeit ausgebeutet. Nach dem »Asozialenerlaß« im September 1937 deportierten die Nazis viele Inhaftierte nach Sachsenhausen oder Buchenwald. Zu den ersten großen Transporten, die 1943 im »Zigeunerlager« von Auschwitz eintrafen, gehörten die Sinti und Roma des Marzahner Lagers. Insgesamt sind Hunderttausende Sinti und Roma ermordet worden, weil die deutschen Faschisten in ihnen »gemeinschaftsfremde Untermenschen« sahen.
Von Andreas Siegmund-Schultze und Tobias Schüler

Kampagne gegen das Vergessen
Marzahn – Hellersdorf LINKS // Mai 2006

Vor 70 Jahren, im Mai 1936, wurde in Ber­lin-Marzahn ein Zwangslager für Sinti und Roma errichtet. Diesen Jahrestag nehmen zahlreiche politische Gruppen und Initiati­ven zum Anlass, das Schicksal der Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus in den öffentlichen Fokus zu rücken. So ist ein vor­liegendes Info-Heft nur Teil einer Kampagne, die das Ziel verfolgt, die Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren und antifaschis­tische Politik im Bezirk zu stärken. Die im Info-Heft enthaltenen Texte sollen jedoch noch breiter gestreut werden und auch im Falle des Vergriffs dieser Publikation noch abrufbar sein. Daher sind sämtliche Infor­mationen auch auf www.kein-vergessen.de verfügbar. Daneben wird es eine Ausstel­lung zum Thema geben, welche regelmäßig in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg zu sehen sein wird. Im Rahmen der Kampagne wird es ebenfalls diverse Veranstaltungen geben.

Kein Vergessen
Marzahn/Hellersdorfer Zeitung // Mai 2006
Im Mai jährt sich die Errichtung des Sinti und Roma-Lagers Berlin-Marzahn zum 70. Mal. Es befand sich am heutigen S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße und zählt zu den ersten rassisch definierten Zwangslagern im NS-Staat. Neben Juden wurden auch Sinti und Roma als so genannte „Fremdrassige“ betrachtet. Hunderte aus Berlin und Umgebung wurden ab 1936 verhaftet und im Lager Marzahn interniert, als Zwangsarbeiter ausgebeutet. Die meisten fielen dem „Auschwitz-Erlass“ zum Opfer. Das Marzahn-Hellersdorfer Bündnis „Kein Vergessen“ lädt zu einer Gedenkkundgebung am 27. Mai um 16 Uhr am S-Bahnhof Marzahn ein.

Bündnis erinnert an Sinti und Roma
Berliner Woche (Seite 4) // 3.Mai 2006

Zwangsarbeiterlager wurde vor 70 Jahren in Marzahn errichtet

Marzahn. Im Mai vor 70 Jahren wurde das Zwangsarbeiterlager für Sinti- und Roma in Marzahn errichtet. Das Bündnis „Kein Vergessen“ nimmt den Jahrestag zum Anlass, um auf das Schicksal der Sinti und Roma aufmerksam zu machen.
Etwa 500 000 Sinti und Roma wurden während der Olympischen Spiele 1936 in Sammellagern, unter anderem in Marzahn am heutigen S-Bahnhof Raoul- Wallenberg- Straße, interniert. Sie mussten in umliegenden Betrieben arbeiten. Wenn sie dabei nicht vor Hunger und Erschöpfung starben, wurden sie später nach Auschwitz- Birkenau in einen eigenen Lagerabschnitt für Sinti und Roma deportiert. Viele von ihnen wurden dort ermordet. Ein Gedenkstein auf dem Parkfriedhof Marzahn erinnert daran.
Zwangsarbeiterlager gab es zudem in Biesdorf und Kaulsdorf. Einige Sinti und Roma mussten Dienste bei Bauern leisten, andere in der Produktion Carl Hasse & Wrede in Marzahn. Ein jüngst erschienenes Informationsheft über deren Schicksal ist in allen Bürgerämtern erhältlich und kann kostenlos von Schulen unter E- mail: Kein-vergessen.de angefordert werden. Die Broschüre informiert unter anderem über das Zwangsarbeiterlager in Marzahn, die thematische Verfolgung der Sinti- und Roma sowie deren Situation in Marzahn- Hellersdorf.
Zudem wird das Arbeitserziehungslager Wuhlheide, dass von der Gestapo als Hauptsammelstelle während des Krieges eingerichtet wurde, ausführlich dargestellt.
Lange Zeit erkannte die Bundesrepublik den während der Nazidiktatur rassistisch verfolgten Sinti und Roma keine Entschädigung zu. So mussten viele von ihnen die bittere Erfahrung machen, dass Beamte, die an ihren Deportationen mitwirkten, über ihr Anrecht auf Entschädigung zu entscheiden hatten.
Mehr darüber erfährt man am 17. Mai, 19Uhr, in einer Informationsveranstaltung in der Humboldt- Universität zum Thema „Entschädigungspolitik“.
Am 24. Mai, 19 Uhr liest Ralf Lorenzen im Café „Größenwahn“, Kinzigstraße 9 in Friedrichshain „Meine Hundert Leben“ aus dem Buch Ewald Hansteins. Darin erzählt dieser vom Lebens- und Leidensweg des in Bresslau geborenen Hansteins, der in Marzahn und Mittelbau- Dora interniert war.
Am 27. Mai, 16 Uhr zum 70. Jahrestag der Errichtung des Zwangsarbeiterlagers in Marzahn der Sinti und Roma, wird eine Kundgebung am S-Bahnhof Marzahn geben.
Am 1. Juni, 19 Uhr findet in der Alice- Salomo- Hochschule, Alice-Salomon- Platz 5 in Hellersdorf eine Ausstellungseröffnung zur Geschichte der Sinti und Roma statt.